HomeAktuellesNachrichten Unzureichende Materialzusammensetzungen bei China-Importen gefährden Trinkwasserqualität! April 2003
Wenn aus der alten Blechtrompete MS 58 wird:
Unzureichende Materialzusammensetzungen bei China-Importen gefährden Trinkwasserqualität!
Je härter der Wettbewerb, umso größer die Zahl derer, die sich über "Preisführerschaft" ihre Marktanteile sichern. Was als Schnäppchen-Jagd für den Endverbraucher mit Butter und Margarine bei Aldi und Lidl noch ganz witzig sein kann, verliert schnell seinen Reiz, wenn durch billige Produkte in der Hausinstallation die Gesundheit und Sicherheit der Bewohner gefährdet ist. Wie schnell das passieren kann, zeigen aktuelle Materialanalysen zu dem "low interest"-Produkt Messing-Kugelhähne, die aus China importiert und zu Dumpingpreisen über den 3-stufigen Vertriebsweg abgesetzt werden. Das Fazit vorweg genommen: Wo beispielsweise MS 58 drauf steht, ist diese Messing-Qualität noch lange nicht drin. Dafür aber überdurchschnittlich hohe Blei- oder Eisen-Anteile, die jeder DIN-Vorschrift Hohn sprechen.
Am 1. Januar 2003 ist die "Verordnung über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch", die so genannte Trinkwasserverordnung (TrinkwV) in Kraft getreten. In unzähligen Seminaren und Schulungen hatten die großen Hersteller schon lange zuvor Fachplaner und Fachhandwerk auf die wesentlichen Neuerungen, vor allem in Bezug auf Veränderungen bei Materialqualitäten, informiert. Denn unter Paragraph 6 "Chemische Anforderungen" schreibt die TrinkwV vor: "Im Wasser für den menschlichen Gebrauch dürfen chemische Stoffe nicht in Konzentrationen enthalten sein, die eine Schädigung der menschlichen Gesundheit besorgen lassen. Konzentrationen von chemischen Stoffen, die das Wasser für den menschlichen Gebrauch verunreinigen oder seine Beschaffenheit nachteilig beeinflussen können, sollen so niedrig gehalten werden, wie dies nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik mit vertretbarem Aufwand unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles möglich ist."
Die Hersteller waren also in der Pflicht, die Legierungen ihrer Rohre oder Armaturen einschließlich Oberflächenveredelung gemäß neuer Grenzwerte entsprechend abzuändern. Auf dem Bleianteil, als einem der am häufigsten im Trinkwasser vorgefundenen Schwermetalle (Blei verursacht unter anderem im Organismus Funktionsstörungen zahlreicher Enzyme), lag beispielsweise ein besonderes Augenmerk, ein weiteres auf dem Anteil an Arsen - was, je nach Verarbeitungsverfahren, zu unterschiedlichen, oftmals aber weitreichenden und kostenintensiven Umstellungen führte.
Verantwortung der Betreiber
Die veränderten Grenzwerte sind wichtig, da im Gegensatz zu bisherigen Regelungen für die Trinkwasserverordnung die Veränderung der Wasserbeschaffenheit, neben Stagnationszeiten beeinflusst durch die bei der Installation eingesetzten Materialien, das Maß aller Dinge ist. Gemessen wird die Trinkwasserqualität an der Entnahmestelle, so dass die Verantwortlichkeit für die Reinhaltung ab Hausstation beim Betreiber der Anlage liegt. In öffentlich und gewerblich genutzten Gebäuden, beispielsweise Kindergärten oder Hotels, wird die Wasserqualität behördlicherseits kontrolliert werden, in privaten Gebäuden schreitet beispielsweise das Gesundheitsamt ein, wenn Auffälligkeiten wie Erkrankungen notiert werden oder sich Mieter beschweren.
Eine der wesentlichen Fragen wird dann sein: Entspricht die Installation dem aktuellen Stand der Technik oder muss - im Haftungsdurchgriff - dem Installationsunternehmen der Vorwurf nicht fachgerecht ausgeführter Arbeiten gemacht werden? Wie schnell das passieren kann, zeigen aktuelle Analysewerte zu in der Praxis nur wenig beachteten, aber täglich eingebauten Kugelhähnen, die in dem Labor eines bekannten deutschen Herstellers (Name der Redaktion bekannt) einer genauen Prüfung unterzogen wurden. Bei den Kugelhähnen in den Abmessungen 1/2" und 3/4" handelte es sich dabei keineswegs um Baumarkt-Produkte, sondern sie wurden willkürlich ausgewählt, über bekannte Großhandlungen beschafft und sind auf dem Körper - auf den Abbildungen wegretuschiert - eindeutig mit der Materialangabe MS 58 und dem (abgekürzten) Herstellernamen gekennzeichnet.
Die daraus wohl von jedem Fachinstallateur abgeleitete Schlussfolgerung, dank Hersteller und Vertriebsweg auch ein normen-konformes Produkt zu erwerben, ist allerdings völlig daneben. Die analysierten Kugelhähne, sagt das Labor, entsprechen nicht der DIN-Norm, da "die verwendeten Messinglegierungen in Europa überhaupt nicht erhältlich sind!" Mehr als 10 Prozent überhöhte Blei-, fast doppelt so hohe Eisen-Anteile wie zugelassen - diese und weitere Werte (Tabelle 1 und 2) lassen vermuten, dass aus unterschiedlichsten Quellen stammender Schrott zu einer abenteuerlichen Legierung verschmolzen wurde, die vielleicht noch wie Messing aussieht, mit den gewohnt hohen Werkstoffqualitäten aus europäischer Produktion aber nichts mehr gemeinsam hat.
Dramatische Folgen
Die eher wie zufällig gemischt erscheinende Legierung hat aber nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Wasserqualität, sondern auch auf die Verarbeitung und Standfestigkeit. Ein reduzierter Kupferanteil (Cu) beispielsweise kann Haarrisse nach sich ziehen, ein hoher Bleianteil (Pb) führt bekanntermaßen zu schleichender Vergiftung, bei überhöhtem Zinn- (Sn) oder Nickelgehalt (Ni) wiederum wird das Metall spröder, Toleranzen sind beim Pressen kaum einzuhalten. Und so geht es weiter:
Zuviel Eisen (Fe) begünstigt Lochfraß, zu viel Aluminium (Al) wiederum erhöht das Bruchrisiko bei niedrigen Temperaturen, während Silizium (Si) aus dem gleichen Grunde (aber über das gesamte Temperaturspektrum) eigentlich in Messing überhaupt nichts zu suchen hat.
Da verwundert es anschließend auch kaum mehr, wenn die Schnittprobe ähnlich "interessante" Ergebnisse liefert. Wandstärken, die beispielsweise zwischen 0,9 und 1,4 mm variieren, lassen für die Installation das Schlimmste erwarten, wenn der Fachmann den großen Gabelschlüssel ansetzt...
Gefährliche China-Importe
Importiert wird ein derartiger Kern-Schrott, ergaben Recherchen, aus China. Ein Insider: "Besonders gefährlich ist, dass manche Anbieter dabei Chargen aus heimischer Produktion mit Importware mischen. Bei Kontrollen besteht dann nur noch ein 50:50-Risiko, erwischt zu werden. Oder es werden zu DVGW-Prüfungen Kugelhähne "Made in Europe" abgeliefert, die späteren Serienlieferungen aber stammen aus Fernost."
Der Hintergrund ist einfach: Kugelhähne werden einerseits zu Zehntausenden abgesetzt, stehen andererseits aber, auch weil es kaum Alleinstellungsmerkmale gibt, extrem unter Preisdruck. Wenn beispielsweise rund 5 Euro zzgl. MwSt. für einen 1/2"-Kugelhahn (Wasser / Öl) in der Verkaufspreisliste des Handels stehen, bedeutet das für die Hersteller ein Brutto / Brutto-Preis, von dem sie oftmals nur knappe 50 Prozent oder noch weniger sehen. Da zählt jeder Cent getreu dem Motto "Die Menge macht's" - und wenn für den Importeur grob kristallines Messing-"Gussmaterial" (statt des in Europa üblichen gepressten Stangenmessings) den erforderlichen Preisvorteil im Einkauf verspricht, dann scheint die Versuchung groß zu sein, diesen Weg zu gehen. Vor allem, wenn bei der simplen Überprüfung auf der Waage der Qualitätsunterschied nicht gemessen wird, da das Gesamtgewicht der Armaturen sich kaum unterscheidet, der Innenaufbau sich zugleich aber ohne Zerstörung jeder Prüfung entzieht.
Wie es drinnen aussieht...
Die Materialzusammensetzung, so fatal sie auch ist, stellt jedoch nur die eine Seite der Medaille dar. Eine zweite sind die Herstellungsprozesse, die in den Manufakturen in Fernost an der Tagesordnung, in Europa aber eigentlich seit den 20-er Jahren nicht mehr üblich sind...
Der von Hand ungleichmäßig aufgetragene Kleber mit nicht reproduzierbarer Aushärtezeit zwischen Gehäusekörper und Einschraubteil ist ein Beispiel, das manuell mit Ringschlüssel angezogene Einschraubteil ohne definierte Drehmomente ein weiteres. Welche Auswirkungen diese Produktionsdefizite haben - der Fachmann kann sie sich ausmalen und hofft zugleich, dass er nie einen solchen Kugelhahn installiert hat. Dies gilt umso mehr, als sich die Liste der Beispiele noch fortsetzen ließe und dann bis zum meist völlig unbeachteten O-Ring reicht.
Je nach eingesetztem Material härten die O-Ringe bei mehr als 100 °C komplett aus oder schrumpfen bei heißem Dampf zu zähen dünnen Fäden zusammen. So oder so aber kommt es zu Undichtigkeiten im Gesamtsystem, gerade bei älteren Heizungsanlagen dürfte ein überschwemmter Keller nur eine Frage der Zeit sein.
Vor diesem Risiko schützen, zeigen die Analysen, auch keine Angaben wie "Made in ..." oder zu einem Qualitätssicherungssystem á la DIN ISO 9001. Papier, vor allem augenscheinlich das von Umverpackungen, ist bekanntermaßen geduldig; zudem gibt es "Interpretationsspielraum" bezüglich der Inhalte, welche die jeweilige Qualitätsnorm tatsächlich abdeckt.
Als Ausweg: Marken
Dem Fachinstallateur, der seine Arbeit ruhigen Gewissens auf dem aktuellen Stand der Technik abliefern möchte, bleibt in diesem Dilemma nur der Ausweg über anerkannte Markenhersteller. Neben offener Informationspolitik unter anderem zu deren Fertigungsstandorten und (überprüfbaren) Qualitätssicherungssystemen gilt bei diesen nicht zuletzt das in der Regel stabil hohe Preisniveau als verläßlicher Indikator für das Qualitätsniveau ihrer Produkte.
"Bei Kugelarmaturen," so der bereits zitierte Insider, "ist es genau so wie beim Sonntagsbraten: Qualität hat ihren Preis! Denn mit ein bißchen Nachdenken müsste eigentlich jeder verstehen, dass ein Kugelhahn realistisch nicht für 50 oder 60 Cent produziert werden kann, damit er dann für unter 2 Euro in den Regalen des Großhandels liegt." [ema]
Quelle: Werkstatt+Montagepraxis; Ausgabe März 2003
Herausgeber und Verlag:
Heizungs-Journal Verlags-GmbH, D-71350 Winnenden